NEUBURGER RUNDSCHAU, D, 26.05.2001
Ein ALTERNATIVER BLICK AUF DIESE WELT
Alexandra Martini brachte ein Buch von Mülleimern, fotografiert auf allen Kontinenten, heraus

In Ingolstadt atmet Alexandra Martini richtig durch. 28 Jahre ist die großgewachsene hübsche Frau jetzt alt, seit neun Jahren lebt und arbeitet sie in Berlin. Alexandra Martini ist selbständige Designerin - und äußerst erfolgreich. Reden macht sie zur Zeit auf dem Buchmarkt. Das Nachrichtenmagazin "Spiegel" besprach ihr Werk mit dem Titel "Litter only", das in 48 Ländern erschien.

Über 10 000 Stück der 20 000-er Startauflage im Kölner Könemann-Verlag sind bereits verkauft. 300 Seiten hat das kleine Büchlein - und drin ist nichts als Müll. Vielmehr Mülleimer. Fotografiert hat sie Alexandra Martini auf der ganzen Welt, alle Kontinente hat die 28-Jährige bereist. Ausnahme Australien, doch von dort brachte ihr die Familie "einen Mülleimer" mit. Vier der etwa 260 Mülltonnen, die im Buch zu sehen sind, stammen aus Ingolstadt. "Das darf man mir als Ingolstädterin zugestehen", meinte sie, "auch wenn die Relation zu Sydney freilich nicht stimmt, von wo ich nur einen drin habe."
Die Sammelleidenschaft dürfte Alexandra Martini von ihrem Vater geerbt haben. Hauptberuflich Berufschullehrer, von Leidenschaft Insektenforscher hat der Herr Papa sogar zwei Hirschkäferarten entdeckt, die mittlerweile nach ihm benannt sind. Begonnen hat die Mülleimerfotografie bei der Tochter eher beiläufig, bis es auf einmal dazugehörte. Die Ingolstädterin in ihrem Vorwort: "Die Vielfältigkeit der Welt manifestiert sich oft schon durch ganz banale Alltäglichkeiten, den feinen Unterschied, der spüren lässt, dass man sich bewegt hat. Überall sind Überraschungen zu entdecken. Vielleicht kann das Buch ja zu unüblichen Blicken anregen."
Der "unübliche Blick" ist für Alexandra Martini schon von Berufs wegen nötig. Die 28-Jährige hat bereits eine beachtliche Karriere als Designerin hinter sich. Nach dem Studium an der Hochschule der Künste in Berlin legte sie noch den Master of Art ab und bekam ein Stipendium am Royal College of Art in London. Von 150 Bewerbern kommen dort jährlich drei zum Zug, denen dann das sündhaft teure Schulgeld erlassen wird. Weitere Erschwernis: Aus jedem Land gibt es nur einen Studenten. Zwei Jahre lernte die Ingolstädterin hier noch, gewann 1998 den "International Professional Design Award" in Valencia mit einem Klapphocker und machte sich daraufhin gleich selbständig.

KONTAKE IN DIE GANZE WELT
Eine Zeit in der sie unheimlich viele Kontakte knüpfen konnte. Zu Kommilitonen wie zu den Lehrern, Star-Designer aus der ganzen Welt. Während dieser Ausbildung arbeitete sie in London, New York, Barcelona und Mailand. Mit ein Grund warum die Ingolstädterin in so jungen Jahren schon soweit rumgekommen und so viele Mülleimer festhalten konnte. Seit 1999 betreibt sie ihr Büro in Berlin und ist damit sehr erfolgreich. Gestaltete für das Goethe-Institut die Berlin-Kampagne, arbeitet für DaimlerChrysler und schließt gerade das absolute Rennomierprojekt ab. Das Design der Berliner Räume für "Das Werk". Ein Unternehmen, das weltweit Studios betreibt in denen die sogenannte "Post Produktion" von Spiel- und vor allem Werbefilmen abläuft. Sündhaft teure Elektronik ermöglicht die Optimierung des Filmmaterials. Hochbezahlte Spezialisten, die, am Ende der Wertschöpfungskette, dem Produkt den letzten Schliff verpassen und dafür aus der ganzen Welt einfliegen, müssen ein inspirierendes Ambiente vorfinden. Alexandra Martinis Job.
Wen wundert´s, dass der jungen Frau 18-Stunden-Tage nicht fremd, Wochenenden über Monate völlig unbekannt waren. Mit gerade mal 28 ist sie aber jetzt soweit, ihr 750-Quadratmeter-Großbüro auch mal zuzusperren. Aufzupassen, kein Workaholic zu werden, was in ihrem Umfeld, wo Manager vorm Gespräch noch schnell mit dem Privattrainer boxen oder den "professionellen Halb-Stunden-Schlaf" einlegen, nicht so leicht ist und als Selbständige sowieso nicht. "Du brennst sonst total aus", weiß sie.
Dem Grundsatz folgend "weniger ist mehr" verliert die hochinteressierte Frau ohne Allüren ihre privaten Vorlieben nicht aus den Augen. So war ihr das Mülleimer-Büchlein sehr wichtig. Sechs Jahre hat sie es vorbereitet, verdient war damit "ein symbolischer Betrag, mit dem nicht einmal die Filme bezahlt waren" wie sie sagt. Der sauberste Mülleimer ihres Buches "Litter only" - auf englisch "nur Müll" - steht am Münchner Flughafen, der dreckigste in San Salvador, der schönste in London. Alexandra Martini: "An der Waterloo-Station gibt es einen, auf den jemand "I love you" geschrieben hat. Ich denke es war ein Mann für seine Frau, die diesen Mülleimer füllt. Ich finde das sehr romantisch."

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