STERN, Nr. 47, 15.11.2001
EIN KOKON FÜR KREATIVE
Text: ANJA LÖSL

Gegen Stress und Langeweile: Für die Berliner Firma „Das Werk“ schufen die Designer Alexandra Martini und Henrike Meyer eine ungewöhnliche Arbeitswelt .

Was ist das hier eigentlich? Ein Büro oder eine Bar? Ein Studio oder eine Lounge? Lässige junge Menschen lungern an einem langen, edlen Nussbaumtresen herum, trinken Kaffe, bedienen sich am üppigen Büfett und lesen Zeitung. Ein paar von ihnen lehnen an einer weichen, roten Wand, die mit dicken Polstern ausgefüttert ist. Andere haben es sich in schicken, roten Kunstledersesseln gemütlich gemacht. Worte wie „Inferno“, „Smoke“ und „Fire“ wehen herüber.
Reden die über den 11. September? Nein, tun sie nicht. Die Firma „Das Werk“ ist eine Postproduktionsstätte für Werber und Filmer.

Hierher kommen Regisseure nach dem Dreh mit ihren riesigen Filmrollen, hier sehen sie ihr eigenes Material zum ersten Mal, hier wird es digitalisiert und weiterverarbeitet an millionenschweren Maschinen, die schon immer „Inferno, „Smoke“ und „Fire“ hießen und ohne die heute kaum ein Kinofilm und kein Videoclip möglich wäre. Neue Farbnuancen, Tricks und Spezialeffekte: „Alles ist möglich,“ sagt Anne Schreiner von „ Das Werk“. „Wir können 30 Leute in eine Menschenmenge verwandeln, den Sommer zum Winter machen und die Nacht zum Tag.“ Oder einen kleinen Jungen durch die Luft fliegen lassen wie es gerade... nein, nein, das ist streng geheim. Bloß keine Namen verraten. Was in den Räumen vor sich geht, ist top secret. „Viele unserer Kunden sind sehr angespannt. Die kommen vielleicht von einem Nachtdreh, sind übermüdet und wollen erst mal schlafen. Oder sie sind völlig nervös und zappelig und sollen nun geduldig und fast bewegungslos vor dem Bildschirm sitzen.“

Eine ganz besondere Klientel also. Und diesen anspruchsvollen Kunden aus der Film- und Werbebranche wollte „Das Werk“ in seiner neuen Berliner Zweigstelle etwas ganz Besonderes bieten.
Bei der Suche nach der besten Einrichtung stießen die Werk-Leute auf die beiden Designerinnen Alexandra Martini, 29, und Henrike Meyer, 32. Die hatten nach Lehrjahren an der Hochschule für bildende Künste in Berlin und bei Ron Arad in London gerade ihr eigenes Büro in eine Kreuzberger Loftetage eröffnet und hungerten nach dem ersten fetten Auftrag. Da kam ihnen „Das Werk“ gerade recht. „Die Leute sollen aus dem Aufzug aussteigen und einfach nur noch „Wow“ sagen“, nahmen die beiden sich vor – und legten los.

„Unser Entwurf für „Das Werk“ hat Hotelcharakter“, sagt Alexandra Martini. Hier muss man Stress genauso loswerden können wie Langeweile oder Aggression. Also gibt es hoch technisierte und abgeschlossene Suiten. Jede hat ihren „Hot Spot“ mit dem persönlichen Operator, dazu einen Arbeitsbereich und eine „Chill-out-Zone“, wo die Kunden je nach Laune konzentriert mitarbeiten oder ausspannen, rumfläzen und dösen können. Alles ist beweglich und jederzeit veränderbar. Es gibt immer Süßigkeiten und Kaffe, auch das Essen steht bereit. Filmemacher schätzen das. Wim Wenders etwa bearbeitet hier gerade seinen neusten Kurzfilm. Es ist einfach angenehm, hier zu sein.

Bequeme Liegen aus Kunstleder breiten sich von der Mitte des Raumes bis hin zu Wand aus schmiegen sich dann elegant an der Mauer hoch und über die gesamte Decke bis zur gegenüberliegenden Seite.

Wie in einem Kokon kann man sich hier wohlfühlen und sitzen, liegen, schlafen, arbeiten, essen, reden. Ruhig, geborgen und gemütlich. Ein schiebbares zusätzliches Polsterelement an der Rückwand sorgt für noch mehr Bequemlichkeit an genau dem Ort, wo man sich gerade anlehnen will. Besonders schickes Detail: Der Zweitbildschirm ist vollständig integriert in die gepolsterte Seitenwand. Hier kann man alles verfolgen, was der Operator tut – oder zur Entspannung ganz normale Programme glotzen. Alle Kabel sind unterirdisch verlegt, keine Schnüre und Stecker stören den Eindruck von der luxuriösen Lounge.
Die edlen Bauhausstühle vom Typ S 411, hergestellt von der Firma Thonet, sind wie die Wandelemente mit einem speziellen Kunstleder bezogen: Lorica. Alexandra Martini: „Das ist besser als echte Kühe: abwaschbar und schwer entflammbar“.
Absoluter Lieblingsplatz von Anne Schreiner ist der Ausguck am Fenster, wo sie weich und bequem in Höhe der Fensterbank sitzen und dem Blick nach draußen schweifen lassen kann. „So was hätte ich gern auch zu Hause“.
Fast alle Werk-Kunden sind “Hin und Weg” vom Design. Und die wenigen, die erst mal erschrocken “Gummizelle” murmeln, sind spätestens dann überzeugt von der Qualität der Polsterlandschaften, wenn sie behaglich darauf liegen und all die Anspannung von ihnen abfällt. Dass Alexandra Martini und Henrike Meyer gute Ideen haben und sie auch perfekt ausführen können, hat sich schnell herumgesprochen. Filmer sind gute Multiplikatoren. Acht neue Anfragen gibt es inzwischen, darunter ein Hotel in Berlin. “Wenn aus allen Projekten was wird, dann haben wir ein Problem,“ sagt Henrike Meyer. “So schnell wollten wir eigentlich nicht expandieren.” Nun es gibt Schlimmeres.

Information im Internet:
www.martinimeyer.com Alles über die Designerinnen und www.das-werk.de Wissenswertes über die Film-Postproduktion.

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STERN, Nr. 47, 15.11.2001

STERN, Nr. 47, 15.11.2001