MÄRKISCHE ALLGEMEINE, 20.10.2005
NACH DER ABFALLFLUT
„Alles im Eimer“- Eine Ausstellung zeigt internationale Müllbehälter und -kreationen
Text: Hanne Landbeck

Ungetüme des deutschen Abfallbetriebs sehen monumental aus, wenn sie in Wildbad Kreuth im Schnee vor einem Holzhaus stehen und es als gelbe, blaue, schwarze und grüne Tonne fast erdrücken mit all der Macht deutscher Sortiergründlichkeit. Wir Deutschen sind die besten, was die Mülltrennung angeht, sagte Martina Schellhorn bei der Begrüßung der Vernissage-Gäste am Dienstagabend, und die Fotografien von Alexandra Martini beweisen diese These schlagartig.

Die Fotografin ist trotz ihrer jungen Jahre schon viel rumgekommen in der Welt, und immer hat sie ein spezielles Interesse: Abfalleimer sind das Objekt ihrer fotografischen Begierde, die Ausstellung zeigt die weltweite Müllkultur: In Bangkok quellen aus übereinander gestapelten Reiskörben mit Weggeworfenem vollgestopfte Plastiktüten, in Oslo hat man liebevoll weiße Hände auf die blaue Tonne gemalt, in Valencia ziehen Müllmänner die roten Tonnen in einer Straßenschlucht wie Hunde hinter sich her, und in New York bewacht ein militärisch anmutender, schon etwas verwitterter Drahtkorb die abgeknickte gelbe Fußgängerampel, die aber trotzig immer noch ihr glühend rotes „don´t walk“ dem Trottoir zeigt. Auf Kuba fotografierte Alexandra Martini ein Ensemble aus Drahtkorb und Henne, ein Stillleben, das man auch als vorweggenommene Allegorie auf die uns nun alle bedrohende Vogelgrippe beziehen könnte. In Mexiko benutzen die Menschen räderlos gewordene Einkaufswagen, um ihren Müll zu deponieren, und ein holländischer, verlassener Sandstrand glänzt stolz unter der Allee strahlend rot gestrichener Eimer, die im Winter nur mehr dekorativen Charakter haben. Wenn der schwarze Eimer von einem aufgeblähten Sack bekränzt wird, sieht das aus, als sei ein kleiner Mann mit Blasebalg in den Eimer gekrochen, um jedem, der seinen Abfall auf die Straße wirft, ein empörtes Pfui nachzuhauchen. So werden die normalerweise nicht beachteten Stützen der Wegwerfgesellschaften zu fast lebendig wirkenden Mahnwachen der Zivilisationskritik. Ganz anders geht die Künstlerin Edith Wittich vor: Sie klaubt schon mal zusammen, was andere weggeworfen haben, um es auf ihre Art zu recyceln: Ordentlich kleben da Plastikschälchen nebeneinander, von Schläuchen und anderen Kleinteilchen ornamental umgeben, mit blauer Farbe übermalt, verfremdet, neu zu entdecken. „Im Meer des Überflusses“ nennt sie eine solche Collage, die durch das üppig verwendete Blau nicht nur an die Weite des Ozean, sondern auch an den blauen Planeten mahnt - so sollen wir aufmerksam werden darauf, was wir durch unsere sorgenfreie Entsorgungsmentalität der Erde antun. Aber es sind manchmal auch nur kindlich verspielt wirkende Objekte, die Wittich aus dem achtlos Vergessenen zaubert: da sperren die Verschlüsse von Milchtüten zigmal ihr Maul auf, als seien sie kleine Vögelchen, die gefüttert werden wollen.
Die Ausstellung mit dem Randthema ist unterhaltsam und interessant anzuschauen. Zwar erinnerte sie den Minister für ländliche Entwicklung, Dietmar Woidke, berufsbedingt an den Deponiebrand in Bernau, aber schon die Klänge, die Martin Krause alten Schüsseln und Dosen entlockte, machten deutlich, dass das Thema weit mehr Assoziationsraum bietet als gemeinhin angenommen.

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MÄRKISCHE ALLGEMEINE, 20.10.2005